Kann Mediation bei der Umsetzung von New Work im Alltag helfen?

Welchen Stellenwert kann das Arbeiten im Leben der Menschen heute, in einer Zeit dramatischer Umbrüche und einer rasenden technischen Entwicklung, noch haben? Wie kann Mediation das Leben der Menschen verbessern? Diese Fragen beschäftigen mich schon seit einiger Zeit. Ich habe nun versucht, sie miteinander zu verknüpfen. Dies ist ein erstes Ergebnis meiner Überlegungen.

New Work – ein Schlagwort macht die Runde

Mit der Frage, wie Menschen heute, im Zeitalter der Digitalisierung, und wichtiger noch in Zukunft arbeiten wollen, beschäftigt sich das Augenhöhe Camp. An diesem Barcamp, das am 20. Mai in Düsseldorf stattfindet, werde ich auch teilnehmen. Deswegen habe ich mich vorab ein wenig eingelesen. Dabei bin ich immer wieder über den Begriff New Work gestolpert, mit dem ich mich zuvor noch nie näher befasst habe.

Als Beschäftigter des öffentlichen Dienstes, als Beamter der Bundesrepublik Deutschland gar, habe ich mich bislang in einer völlig anderen Welt bewegt, wie mir scheint. Zwar beschäftige ich mich in meiner Behörde jeden Tag mit Sozialversicherungen, die ihre historische Grundlage in der Erwerbsarbeit alter industrieller Prägung haben und nach wie vor durch Erwerbsarbeit finanziert werden. Auch ist die Behörde, für die ich arbeite, im Fachbereich des Bundesarbeitsministeriums angesiedelt, das sich auch Gedanken über das Arbeiten 4.0 macht. Der Begriff New Work wird dort allerdings nicht verwendet.

In meinem Arbeitsalltag hat der Begriff New Work daher bislang keine Rolle gespielt. Als Personalratsvorsitzender interessiere ich mich jedoch selbstverständlich für alle Aspekte des Arbeitens und habe mich weiter informiert.

Ein wenig inhaltliche Schärfe

Folgende Punkte habe ich dabei immer wieder als Definition für den Begriff New Work entdeckt:

  • Technische Neuerungen der vergangenen 40 bis 50 Jahre bewirken veränderte Grundlagen für eine arbeitsteilige Wirtschaft.
    • Gesteigerte Produktivität durch Einsatz intelligenter Maschinen stellt die Notwendigkeit menschlicher Arbeit in vielen Bereichen ganz in Frage. Auf alle Fälle verlagert sich der Bereich, in dem Menschen Arbeit leisten, weg von den klassischen Berufen, hin zu neuen Tätigkeiten.
    • Ständige Beschleunigung des technischen Fortschritts führt auch zu beschleunigter Veränderung von Bedürfnissen, dh nachgefragten Gütern. Die lineare Entwicklung von Produkten (ein Arbeitsschritt nach dem anderen) wird auch außerhalb der Software-Branche durch agile Entwicklung abgelöst, um den sich schnell wandelnden Anforderungen gerecht werden zu können.
    • Die Organisationsstruktur der Unternehmen entwickelt sich von prozessbezogenen Einheiten hin zu eher projektbezogenen Einheiten. Zu Punkt a) und b) siehe auch das Interview der IBB-Akademie mit Nicolaj Armbrust „Ein Chef schafft sich ab„.
    • Technische Verbesserungen in den Bereichen Information und Kommunikation eröffnen neue Möglichkeiten in der Frage, wo Arbeitsleistungen erbracht werden können, z.B. beschrieben von Annika Janßen in „Neuer Mut durch neue Kultur„.
  • Die gesellschaftliche Dimension der Veränderungen in der Arbeitswelt bewirkt eine veränderte Sichtweise dessen, was Arbeit sein soll und unter welchen Bedingungen sie stattfinden soll, siehe hierzu Hendrik Epe, „New Work zwischen Spiritualität, elitärem Scheiß und dringender Notwendigkeit„, oder Markus Väth, „New Work, raus aus dem Nebelbegriff„.
    • Hierarchien und traditionelle Führungsmodelle werden mehr und mehr in Frage gestellt.
    • Mehr Menschen bewerten ihr Tun stärker unter inhaltlichen Gesichtspunkten, als unter materiellen Gesichtspunkten. Erhellend dazu: Monika Frech „Neue Arbeit – warum eigentlich?“.
    • Arbeit wird stärker auch als Möglichkeit für soziale Kontakte erlebt.

Könnte Mediation hier von Nutzen sein?

Diese inhaltlichen Zuschreibungen sind mir dann schon sehr viel bekannter erschienen, denn auch in der vergleichsweise starren Bundesverwaltung stellt sich selbstverständlich die Frage, wie sich die Arbeit im 21. Jahrhundert besser gestalten lässt, als in den Jahrhunderten zuvor. Gleichzeitig ist mir als frisch gebackenem Mediator immer wieder aufgefallen, dass sich die Ziele, die unter dem Stichwort New Work immer wieder ganz konkret für eine Veränderung der Arbeitsorganisation in Unternehmen formuliert werden, nahezu perfekt mit der Denkweise und der Herangehensweise an Konflikte decken, die als Grundlage der Mediation dienen. Um so erstaunter war ich, dass ich so gut wie nichts dazu finden konnte, die Grundgedanken und Techniken der Mediation dafür nutzbar zu machen, Konzepte des New Work im Alltag tatsächlich umzusetzen. Genau das möchte ich daher für einige konkrete Ansätze versuchen, wie Arbeit unter der Überschrift New Work organisiert sein soll.

Über den Nutzen von Mediation in der (neuen) Arbeitswelt

Wegfall von Hierarchien: Eigenverantwortung, Transparenz und gegenseitiges Vertrauen – die Grundhaltung der Mediation

In dem Maße, wie die einzelnen Teams in einem Unternehmen sich selbst organisieren, werden auch Hierarchieebenen in Frage gestellt. Die schon länger zu beobachtende Tendenz, Hierarchien in Unternehmen abzuflachen, wird auf diese Weise noch verstärkt. Das Ziel ist es, die Führung durch einzelne herausgehobene Personen zurückzuführen und statt dessen Strukturen zu entwickeln, innerhalb derer alle Teammitglieder gemeinsam die Leitungsfunktion für das Unternehmen oder die Organisationseinheit ausüben. Das Ausüben von Kontrolle soll dabei durch Transparenz und gegenseitiges Vertrauen ersetzt werden.

Um die Arbeit in einem Unternehmen auf diese Weise organisieren zu können, bedarf es eines hohen Maßes an Eigenverantwortung sowie eines positiven Menschenbildes von allen Beteiligten. Ein solches positives Menschenbild ist auch die Grundlage der Mediation, der die Überzeugung zugrundeliegt, dass die Beteiligten an einem Konflikt selbst am besten in der Lage sind, eine Lösung für ihr gemeinsames Problem zu finden. Die Aufgabe des Mediators / der Mediatorin ist es daher auch ausschließlich, die richtigen Strukturen für die Medianden zu schaffen, innerhalb derer sie den Konflikt auf konstruktive Weise bearbeiten können. Diese gemeinsame positive Grundhaltung lässt es erwarten, dass die Mediation auch im Umfeld des New Work erfolgreich genutzt werden kann.

Von der Führungsperson zur Führungsstruktur mit Hilfe der Mediation

Hierzu eignet sich die Mediation auch deswegen, weil sie als ein gesprächsorientiertes Verfahren und als Grundhaltung einige Funktionen übernehmen kann, die in der klassischen Arbeitsorganisation von Führungskräften zu übernehmen sind. In einer modernen Arbeitsumgebung ist es ebenso wichtig, wie in einer klassisch geprägten Arbeitsumgebung, das jeweilige Ziel im Auge zu behalten (etwa bei Teambesprechungen), die Diskussion in diese Richtung zu lenken und eine gewisse Ergebnisorientierung sicherzustellen. Ebenso wird es in der Regel auch notwendig sein, ein gewisses Gleichgewicht herzustellen, wenn in einer Besprechung laute und leisere Teammitglieder zusammenkommen. Wenn ansonsten gar nichts mehr geht, kann es als letzter Notbehelf gegebenenfalls auch notwendig werden, verbindliche Entscheidungen in Zweifelsfragen herbeizuführen.

Trennung von Inhaltsebene und Strukturebene

Dem immer wieder beschriebenen Problem, in solchen Situationen eine gewisse Zielorientierung zu erreichen, ohne (klassische) Führung auszuüben, lässt sich begegnen, indem die in der Mediation gelebte strikte Trennung von Inhaltsebene und Strukturebene nutzbar gemacht wird. Denn das Bedürfnis nach möglichst weitgehender Hierarchiefreiheit besteht in allererster Linie im kreativen, sprich inhaltlichen Bereich, während dieses Bedürfnis für den strukturellen Bereich der Regeln der Zusammenarbeit spätestens dann in den Hintergrund tritt, wenn sich ein Team erfolgreich konstituiert hat (so meine These). Ab diesem Zeitpunkt müssen die Teamregeln eben gelebt werden und es ist sinnvoll, eine Person zu beauftragen, dies sicherzustellen. Dazu muss es jedoch nicht zwingend eine übergeordnete Führungsebene geben, sondern diese Aufgabe kann auch aus dem Team selbst heraus geleistet werden:  

Ein Teammitglied wird (gerne alternierend) zum Strukturbeauftragten ernannt und hat die Verantwortung, dass die vorstehend beschriebenen Rahmenbedingungen und selbstverständlich auch die kollegialen Umgangsformen gewahrt bleiben, übt in dieser Funktion aber inhaltlich weitestgehende Zurückhaltung. Die übrigen Teammitglieder sind inhaltlich keiner Beschränkung unterworfen, erkennen aber die Rahmenstruktur als verbindlich an, zu der es auch gehört, dass die/der Strukturbeauftragte in Strukturfragen ein Durchsetzungsrecht hat. Zur näheren Ausgestaltung einer solchen Struktur fehlt in einem Überblick, wie ich ihn hier versuche, naturgemäß der Raum. Gleichzeitig wird es für solche Strukturen keine Lösung von der Stange geben können, denn jedes Team, jedes Unternehmen hat seine Besonderheiten, die berücksichtigt werden müssen.

Perspektivenübernahme und agiles Arbeiten

Die agile Arbeitsweise in eher projektbezogenen Teams bedeutet im Vergleich zu der klassischen Organisation, dass verschiedene Entwicklungsprozesse parallel ablaufen und dass die Ergebnisse verschiedener Entwicklungsstadien sich stärker gegenseitig beeinflussen. Das macht es für alle Mitglieder eines Teams notwendig, nicht nur den eigenen Bereich im Blick zu behalten, sondern bei allen eigenen Arbeitsschritten auch die Rahmenbedingungen für alle anderen mit einzubeziehen. Von den einzelnen Teammitgliedern verlangt dies neben der Orientierung an den Wünschen der Kunden, sich stärker auch in die Sichtweise aller anderen Teammitglieder hineinversetzen zu können.

Diese Perspektivenübernahme ist auch eines der vorrangigen Strukturziele einer Mediation. Hier soll es den Medianden möglich werden, die Interessen und Motive der jeweils anderen Seite, die für ihr Verhalten in einem Konflikt ausschlaggebend sind, nachzuvollziehen. Auf diese Weise soll ein gegenseitiges Verständnis hervorgerufen werden, das es den Medianden ermöglicht, gemeinsam Lösungen für ihren Konflikt zu finden, die für alle Beteiligten vorteilhaft sind. Auch die Probleme, die bei der Verwirklichung eines gemeinsamen Ziels in einem Team auftreten können, lassen sich als Konflikte beschreiben, sei es die Konkurrenz bei der Aufteilung knapper Ressourcen, die Auswahl unter verschiedenen in Betracht kommenden Lösungsansätzen oder der Umgang mit persönlichen Differenzen. Auch hier geht es darum, über gegenseitiges Verständnis für die Motivation der anderen Teammitglieder zu Lösungen zu kommen, die für das gesamte Team vorteilhaft sind.

Sinnvoller Umgang mit Konflikten – eine Führungsfunktion und Kernkompetenz der Mediation

Mediation hilft selbstverständlich auch ganz klassisch, die Führungsfunktion wahrzunehmen, bei Konflikten zwischen Teammitgliedern, zwischen Teams oder auch im Verhältnis zum Kunden, den Weg zu einer allseits vorteilhaften Lösung zu ebnen. Gerade diese Funktion wird auch in einem noch so modernen Arbeitsumfeld nicht an Dringlichkeit verlieren, denn Konflikte sind ein fester Bestandteil einer pluralistischen Gesellschaft. Im Gegenteil: Je mehr sich jedes Teammitglied mit seiner Tätigkeit auch inhaltlich identifiziert, um so mehr Leidenschaft wird auch im Konfliktfall mitschwingen.

Mediation bedeutet in diesem Zusammenhang zu allererst, Konflikte als etwas alltägliches zu begreifen anstatt sie zu leugnen, bis sie sich unter keinen Umständen mehr unter dem Teppich halten lassen. Mediation bedeutet, Konflikte in einem strukturierten Verfahren, an dem alle Konfliktparteien freiwillig beteiligt sind, mit der Hilfe einer Mediatorin / eines Mediators auf eine konstruktive Weise zu bearbeiten. Die Mediatorenrolle kann entweder von speziell geschulten Mitarbeitern des Unternehmens wahrgenommen werden (wobei darauf geachtet werden sollte, mehrere Personen zu bestimmen und dabei auf Diversität zu achten), oder auch von externen Mediatoren übernommen werden.

Fazit

Die Möglichkeiten, die Mediation bietet, um die hehren Ziele von New Work im Alltag umzusetzen, habe ich an dieser Stelle selbstverständlich nur ansatzweise vorgestellt. Bereits diese ersten Punkte zeigen aber deutlich, dass das Verfahren der Mediation und die Haltung, die der Mediation zugrundeliegt, helfen können, die Konzepte des New Work im Arbeitsalltag mit Leben zu erfüllen:

  • Selbstorganisiertes Arbeiten und der Abbau von Hierarchien gelingen eher mit Grundhaltungen, auf denen auch die Mediation basiert,
  • Führen durch Strukturen, statt durch Personen kann durch die Trennung von Strukturebne und Inhaltsebene erreicht werden, wie sie auch für die Mediation typisch ist,
  • Agile Arbeitsmethoden verlangen von allen Teammitgliedern die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme,
  • Konflikte sind auch mit New Work ein Teil des Lebens und sollten nicht verdrängt, sondern gezielt bearbeitet werden, dies ist die Kernkompetenz der Mediation.

Sollte Ihr Interesse geweckt worden sein, freue ich mich auf Ihre Fragen, Anregungen oder Ihre Einwände. Vielleicht haben Sie ja auch Lust bekommen, sich am AugenhöheCamp in Düsseldorf zu beteiligen und wir kommen dort miteinander ins Gespräch. Über Reaktionen würde ich mich auf jeden Fall sehr freuen


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