Was für politische Diskussionen wichtig ist #D17

Wann haben Sie das letzte Mal ausführlich mit jemandem gesprochen, der politisch ganz andere Ansichten hatte?“, fragten Christian Bangel und Philip Faigle von Zeit online Anfang Mai ihre Leser. Sie sind darüber besorgt, dass die Menschen auch in Deutschland immer weniger bereit sind, über ihre politischen Standpunkte mit den Vertretern abweichender, möglicherweise entgegengesetzter Standpunkte ein offenes Gespräch zu führen, in dem es ebenso wichtig ist dem jeweils anderen zuzuhören, wie selbst gehört zu werden. Als Folge der Sprachlosigkeit entstünde in der Gesellschaft eine zunehmende Polarisierung, durch die Menschen nicht mehr aufgrund von Argumenten, sondern lediglich aufgrund von stereotypischen Zuschreibungen entscheiden. Das, so die Befürchtung, verändere unsere Gesellschaft, und zwar nicht zum Besseren. 

Aus diesem Grund wollen Bangel und Faigle die Menschen miteinander ins Gespräch bringen: Sie haben fünf Fragen gestellt, die mit Ja oder Nein zu beantworten waren und die Themen Zuwanderung, Eurokrise, Ehe für alle, Atomausstieg und das Verhältnis zu Russland berührten. Es sollten Gesprächspaare gebildet werden, die möglichst viele der fünf Fragen unterschiedlich beantwortet hatten. An einem Sonntag im Juni war dann der Tag des Gesprächs, 1200 Menschen sind miteinander ins Gespräch gekommen. Zwei dieser Menschen waren Lena Nicasius und ich. In den Tagen vor unserem Treffen hatten wir bereits Gelegenheit, uns gegenseitig näher vorzustellen und einen geeigneten Treffpunkt miteinander zu vereinbaren. Unsere Wahl fiel dann auf das Café im Bonner Kunstmuseum und so trafen sich dann eine 29-jährige Studierende mit Interesse an Bildungs- und Naturwissenschaften und ein 45-jähriger Jurist und Beamter, der die Mediation für sich entdeckt hat, auf der – natürlich proppevollen – Bonner Museumsmeile.

Eine sehr angenehme Diskussion

Lena Nicasius stellte sich als sympathische Gesprächspartnerin heraus und inhaltlich lagen wir auch nicht so weit auseinander. Beste Voraussetzungen also, auch die Themen, die wir unterschiedlich beurteilen, in einem angenehmen, interessanten und offenen Gespräch zu diskutieren. Unterschiedliche Antworten hatten wir offensichtlich bei den Fragen nach dem Atomausstieg und dem Verhältnis des Westens zu Russland gegeben. Das Gespräch, das wir dann die folgenden knapp drei Stunden führten, drehte sich um diese beiden Punkte. Sie hingen aber nicht in der Luft, sondern waren in viele damit zusammenhängende Themen eingebettet, für mich ein Merkmal für eine gute Diskussion. Der Bogen spannte sich von der Mediation als Einstiegsthema über den Atomausstieg, über die Bildungspolitik, bis hin zu Chancen und Risiken der Digitalisierung, das Verhältnis des Westens zu Russland, den Bürgerkrieg in Syrien, den besten Umgang mit Menschen, die auf der Flucht sind, Möglichkeiten der Kontrolle global agierender Unternehmen, die Vor- und Nachteile demokratischer Entscheidungsfindung und einige Themen mehr.

Bild: Lena Nicasius

Unsere Kommunikation an diesem Nachmittag würde ich als überaus gelungen bezeichnen und ich glaube, das lässt sich anhand einiger Strukturmerkmale belegen, die auch allen, die sich näher mit der Mediation beschäftigen, nicht unbekannt sein dürften.

Was zum Gelingen des Gesprächs beigetragen hat

Wichtig erscheint mir zunächst die Grundlage unseres gemeinsamen Gesprächs an diesem Nachmittag. Nach meinem Eindruck schätzen wir beide das Leben in einer freien, pluralistischen Gesellschaft. Freiheit und Pluralismus sind in einer Gesellschaft immer zwei Seiten einer Medaille, das heißt es ist nicht nur akzeptiert, sondern gewollt, dass unterschiedliche Menschen voneinander abweichende Überzeugungen und Wertvorstellungen haben. Allererste Voraussetzung für das Gelingen einer politischen Diskussion ist es, sich das bewusst zu machen und als grundsätzliche Tatsache anzunehmen.

Freiheit bedeutet Pluralismus bedeutet unterschiedliche Meinungen

Abgesehen von den ganz grundlegenden Regeln des Zusammenlebens kann man in jeder Wertungsfrage unterschiedliche Auffassungen haben. Ist es zum Beispiel besser, aus der Nutzung der Atomenergie auszusteigen oder sollte man das nicht tun? Überwiegen die Chancen dieser Technologie, die es ermöglicht, Strom ohne den massenhaften Ausstoß von Kohlendioxid zu erzeugen und so den Klimawandel positiv zu beeinflussen oder überwiegen die Risiken weil der Betrieb von Atomkraftwerken hochgiftige Abfallprodukte und lebensbedrohliche radioaktive Strahlung erzeugt? Sind die bislang bekannten alternativen Technolgien, die ohne die Verbrennung von fossilen Energieträgern auskommen, in der Lage, den Energiebedarf zuverlässig zu decken? Das sind Einschätzungen und Abwägungen, die zu dem einen oder dem anderen Ergebnis führen können, ohne eines der Ergebnisse, die daraus folgen, als dumm, falsch oder böswillig bezeichnen zu können.

Durch andere Augen blicken: Verstehen, wie jemand zu einer Meinung kommt

Gerade das Thema Nutzung der Atomenergie ist auch ein gutes Beispiel für ein weiteres Merkmal unserer Diskussion. Es hat zu ihrem Gelingen wesentlich beigetragen, dass wir immer Wert darauf gelegt haben zu erfahren, wie der jeweils andere zu seiner Haltung in einer Frage gekommen ist und welche Empfindungen dabei eine Rolle gespielt haben. Denn es ist wichtig zu erkennen, dass Menschen emotionale Wesen sind und diese Eigenschaft auch bei der Bildung ihrer Ansichten und Wertvorstellungen nicht ausblenden oder gar unterdrücken können. Alle Ereignisse, die Menschen während ihres Lebens emotional prägen, beeinflussenen auf diese Weise auch ihre späteren politischen Standpunkte. Dies sollte man wissen und in der Diskussion versuchen, die Dinge auch einmal unter den Aspekten zu betrachten, die für andere Menschen prägend waren. Das wird in der Regel nicht dazu führen, die eigenen Standpunkte aufzugeben, hilft aber dabei, sie nicht absolut zu setzen. Wer zum Beispiel die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und die teils gespenstische Stimmung in den Wochen danach bewusst miterlebt hat, wird meiner festen Überzeugung nach durch die eigenen Empfindungen in diesen Tagen auch heute noch in der Haltung zur Nutzung der Atomenergie geprägt. Eine rein wissenschaftliche Argumentationsweise wird dann schwerfallen.

Emotionen können nicht ausgeblendet werden

Auch die Frage, ob der Westen fair mit Russland umgeht, ist emotional immer noch sehr aufgeladen, da hier der kalte Krieg im Hintergrund mitschwingt, selbst wenn der seit fast dreißig Jahren offiziell beendet ist. Wer bewusst miterlebt hat, wie polarisiert politische Debatten zu Zeiten des kalten Kriegs geführt wurden und wie übermächtig die beiden Machtblöcke gerade in außenpolitischen Fragen die Meinungen in ein Schwarz-weiß-Schema gedrängt haben, erkennt noch vieles davon in der heutigen Debatte wieder. Dabei ist gerade dieses Thema ein gutes Beispiel dafür, dass politische Fragen sehr komplexe Konflikte behandeln, das heißt, sie thematisieren meist gegenläufige Interessen verschiedener Gruppen, die mit weiteren Interessen und Einzelfragen verknüpft sind. Aus diesen vielen Teilkonflikten, entsteht ein System, innerhalb dessen jedes Einwirken auf einen Teilkonflikt auch Auswirkungen auf alle anderen Teilkonflikte haben. Diese Auswirkungen sind keineswegs lediglich abstrakt, denn es sind die Menschen, die in Osteuropa und in Russland leben, die ihre Interessen mittlerweile frei artikulieren und demokratisch beschließen können.

Komplexität berücksichtigen – Es gibt nie nur eine(n) (Ver)Ursache(r)

Diese Komplexität sollte bei einer politischen Diskussion immer allen Diskussionspartnern bewusst sein und es sollte immer allen bewusst sein, dass Konflikte niemals ausschließlich von einem der Konfliktbeteiligten zu verantworten ist. So können sowohl der Westen, als auch Russland Argumente für ihre jeweiligen Positionen finden. Russland kann mit Recht sagen, dass die Nato zugesagt hat, sich nicht über die damaligen Blockgrenzen hinaus ausdehnen zu wollen und der Westen kann berechtigter Weise fragen, ob denn der demokratische Wille der Bevölkerung früherer Ostblockstaaten, sich der Nato anzuschließen, ignoriert werden könne. Im Ergebnis wird man Russland die Sorge zugestehen müssen, sich von einer näherrückenden Nato bedroht zu fühlen und gleichzeitig den früheren Ostblockstaaten die Sorge, erneut in den Einflussbereich eines übermächtigen Nachbarn zu geraten. Diese Gleichzeitigkeit berechtigter aber gegenläufiger Interessen wirken sich in der Ukraine noch einmal in konzentrierter Form aus und führen zu der komplexen Problemlage, die dort zur Zeit sichtbar ist. Eine politische Diskussion über das Verhältnis des Westens zu Russland muss diese Komplexität in Rechnung stellen und sollte auf das alte Schwarz-weiß-Schema verzichten, auch wenn das vielen schwer fällt.

Fazit

Dies waren jetzt vier Punkte, warum unsere Diskussion an diesem Sonntag im Mai so gut verlaufen ist. Es mag so erscheinen, als wären das Binsenweisheiten, die keiner besonderen Erwähnung bedürften. Der Verlauf so mancher politischen Diskussion zeigt leider ein anderes Bild. Genau aus diesem Grund sind Aktionen, wie die von Christian Bangel und Philip Faigle so wichtig und ich werde mich an einer neuen Diskussionsrunde gerne erneut beteiligen.


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